Pro und Contra: Sollte das DGH Istha Walter Lübcke gewidmet werden?

Anfang Juni wurde der Kasseler Regierungspräsident, Walter Lübcke, ermordet. Ein Rechtsextremer aus Kassel hat die Tat gestanden. In ganz Deutschland erfolgten deswegen Demonstration, Mahnwachen und andere Aktionen gegen Rechtsextremismus. Der folgende Beitrag nimmt eine dieser Aktionen, eine online Petition mit dem Ziel das Dorfgemeinschaftshaus (DGH) in Wolfhagen-Istha, dem Wohn- und Todesort Lübckes, in das Walter-Lübcke-Haus umzubenennen, unter die Lupe. Unsere Autor_innen haben dazu jeweils einen Pro- und Contrabeitrag verfasst.

Pro: Ein Walter-Lübcke-Haus wäre ein wichtiges Zeichen gegen Rechtsextremismus
von Jan Sojakauer

Aus meiner Sicht lassen sich Menschen, die gegen die Umbenennung des DGH Istha diskutieren, in zwei Gruppen aufteilen: Die, dich mich traurig machen und die, die mich nachdenklich machen. Beide unterscheidet etwas fundamentales, nämlich der Grund ihrer ablehnenden Haltung:

Erstere stellen dabei in Frage, wieso Herrn Lübcke überhaupt ein Ort oder ein Gebäude gewidmet sein muss. Das sind meistens die, die sich in Gesprächen oder online negativ über den Ermordeten äußern, ihn „Sau“, „Arschloch“ oder schlimmeres nennen und partout nicht einsehen wollen, dass das, was Herr Lübcke gesagt hat, kein Angriff auf alle Deutschen, sondern das mutige Verteidigen demokratischer Werte gegenüber rechten Pöblern war. Wenn ich auf solche Menschen treffe, sei es in der Bahn oder in Facebookgruppen, dann weiß ich, dass meine Worte sofort abgeblockt werden, aber ich sage es trotzdem: Der Mord an Walter Lübcke war ein schreckliches Verbrechen und ja, er verdient auf jeden Fall einen eigenen Ort gewidmet zu bekommen. Einen Ort, der gleichzeitig an all die anderen tagtäglichen rechtsextremen Angriffe in Deutschland gemahnt, wie es hier in Kassel bereits der Halitplatz tut.

Ein Grund, wieso es dringend mehr öffentliche Präsenz gegen Rechts braucht: Rechte Schmierereien an der Wilhelm-Filchner-Schule in Wolfhagen, Landkreis Kassel (links) und auf einem Wahlplakat zur Europawahl in Kassel (rechts) [Fotos: Jan Sojakauer (links) und Jasper Hillejan (rechts)].

Die, die mich nachdenklich machen, schaffen dass, in dem sie vorgeblich gute Einwände anbringen. So sehen sie einen Gedenkort für Herrn Lübcke gar nicht per se kritisch, finden nur eine Umbenennung des DGH Istha unangebracht. Dafür kann es viele Gründe geben: So ist Istha klein und in der Peripherie um Kassel gelegen. Die Widmung eines Ortes in Kassel wäre viel sinnvoller, da dieser in der Stadt viel mehr Beachtung erhalten würde. Zudem gibt es im Landkreis kein Dorfgemeinschaftszentrum, ja nicht mal eine Stadthalle, die einer Person gewidmet wäre. Das Projekt müsste also völlig neue Wege gehen. Und zu guter Letzt gibt es in Kassel ja schon eine mögliche Alternative: Die Karl-Branner-Brücke, die nach Walter Lübcke umbenannt werden könnte.

Auch wenn ich die Meinungen meiner Kommiliton_innen, die mir diese Punkte entgegenbrachten, sehr schätze, so meine ich hier doch einige Irrtümer zu sehen. Zunächst einmal ist die Größe des Dorfes, in dem sich der Gedenkort befindet, kein Hindernis. Ganz im Gegenteil erscheint mir das sogar als umso besseres Argument für das Walter-Lübcke-Haus. Denn Herr Lübcke lebte 160 m zu Fuß vom DGH entfernt und er starb auch ebenso weit von diesem. Das Gemeinschaftshaus ist das Zentrum des Dorfes, hier kommt bei Feiern, Versammlungen und ähnlichem eben die Gemeinschaft zusammen, zu der auch der Ermordete gehörte. Könnte es einem besseren Ort geben, um an ihn zu erinnern? Zudem ist auch aus praktischer Sicht das DGH wohl das einzige öffentliche Gebäude Isthas, das für eine Umbenennung in Frage käme.

Das Herz des Dorfes: Das DGH direkt neben dem Festplatz Isthas [Foto: Jan Sojakauer].

Ähnlich verhält es sich mit dem Einwand, dass im Landkreis kein anderes DGH einer Person gewidmet sei. Dies mag stimmen, aber ist das ein Verhinderungsgrund? Wäre es nicht der richtige und mutige Schritt, dass Istha mit dieser Tradition bricht, obwohl es Gegenwind geben könnte? Das Gebäude wird dabei schließlich nicht völlig verändert, es geht nur um einen rein symbolischen Akt. Ein symbolischer Akt von großer Wichtigkeit, der nicht nur das Dorf, sondern die ganze Region an die ständige Gefahr rechtsextremer Angriffe erinnert.

Der letzte Punkt, die mögliche Umbenennung der Karl-Branner-Brücke, bringt mich immer zum Lächeln. Nicht, weil ich es für abwegig halte. Das wäre auch idiotisch, schließlich ist eine Umbenennung der Brücke schon lange im Gespräch. Einzig der Namensvorschlag, Walter-Lübcke-Brücke, ist neu. Was mich belustigt, ist die Ausschließlichkeit, mit der einige das Thema zu betrachten scheinen. Entweder Haus oder Brücke. Ich frage mich hingegen: Wieso nicht beides? Dann gäbe es sowohl für das Dorf, an dem Herr Lübcke gelebt hat, als auch für die Stadt, in der er gewirkt hat einen Ort, der an ihn erinnert. Diese Lösung fände ich am schönsten und freue mich deswegen auch über die Petition, dafür ins Leben gerufen wurde.

Contra: Nicht jeder Beitrag ist allein dadurch gut, dass er gegen Rechtsextremismus gerichtet ist
von einer besorgten Bürgerin Legolands

Am 22.06. startete auf change.org eine Petition mit dem Ziel, dass DGH Istha zum Walter-Lübcke-Haus zu machen. Das beste Argument gegen diese ist dabei ihre Bedeutungslosigkeit. Schließlich werden die 55 Unterzeichner_innen (Stand 05.07. 12:00 Uhr), wohl kaum die adressierten Politiker_innen (u. a. der Bürgermeister Wolfhagens) überzeugen können ihr Vorhaben ernst zu nehmen. Es stellt sich also die Frage, wieso man sich überhaupt mit der Petition auseinandersetzen sollte. Bei näherer Betrachtung lässt sich diese aber wunderbar als Beispiel dafür heranziehen, wie fehlgeleitet auch gut gemeinte Beiträge gegen Rechtsextremismus sein können. Dies möchte ich in drei Schritten darlegen:

Erstens verletzt die Petition eine der wichtigsten Regeln des Gedenkens, nämlich die Rücksichtnahme auf die trauernde Familie des Verstorbenen. Diese braucht in jedem Fall Zeit und Raum um mit dem schrecklichen Ereignis umgehen zu können. Eine Unterschriftensammlung so kurz nach dem Mord ist unangebracht. Darüber hinaus gibt die Petition keinerlei Hinweise auf einen Kontakt mit der Familie Lübckes, auch scheint der Petitionsstarter nicht mit dieser verwandt (wenn er/sie denn seinen/ihren richtigen Namen auf change.org nutzt, was allerdings ein Problem von online Petitionen im Allgemeinen ist). Es liegt somit der Verdacht nahe, dass die Petition einen weiteren schweren Fehler macht: Jede Schaffung eines öffentlichen Erinnerungsortes sollte die Familie mit einbeziehen, wenn nicht sogar von ihr ausgehen. Es kann für die Hinterbliebenen enorm schmerzhaft sein, dass auf einmal in ihrem Ort ein öffentliches Gebäude nach ihrem Familienvater benannt werden soll, ohne dass sie ein Mitspracherecht hatten. Das Vorhaben erscheint damit bereits aus moralischer Sicht zweifelhaft.

Zweitens ist das Vorhaben ineffektiv und heuchlerisch. Istha ist ein kleiner Ort mit recht wenig Durchgangsverkehr, ein Walter-Lübcke-Haus würde also nur von den Ortsansässigen genutzt werden, denen die furchtbare Tat bestens vertraut ist. Nun könnte hier ein Argument des Petitionsstarters angebracht werden, nämlich das Istha Lebensmittelpunkt und Todesort Lübckes war, was es für einen Erinnerungsort besonders prädestiniert macht. Ein solches Argumentieren ist allerdings scheinheilig. Schließlich wurde Lübcke nicht im DGH, sondern vor seinem eigenen Haus ermordet. Ein adäquater Erinnerungsort in Istha (evtl. in Form eines Steines mit Plakette oder ähnlichem) wäre damit wohl eher dort zu verorten, als im Gemeinschaftshaus des Dorfes. Auch hier ist natürlich auf die Wünsche und Gedanken der Familie zu aller erst einzugehen.

Drittens gebt es bereits wesentlich bessere Pläne, wie ein geeigneter Ort nach dem Verstorbenen benannt werden kann. So berichtete die HNA bereits am 19.06. vom Vorhaben eines örtlichen Politikers, die Karl-Branner-Brücke nach Walter Lübcke umzubenennen. Damit würden zwei Fliegen mit einer Klatsche geschlagen werden: Zum einen handelte es sich bei dem verstorbenen Kasseler OB Karl Branner um ein ehemaliges NSDAP-Mitglied, eine Umbenennung der Brücke ist deswegen schon länger im Gespräch. Zum anderen läge der Erinnerungsort an Lübcke somit in Kassel, der Heimat des Täters und einem Nährboden für eine wachsende Szene aus gewaltbereiten Rechtsradikalen. Eine Walter-Lübcke-Brücke wäre den Rechten ein Dorn im Auge – und allein deshalb schon mehr als wünschenswert.

Eine wesentlich bessere Alternative als das DGH Istha: Die Karl-Branner-Brücke zwischen Unterneustadt und Kasseler Innenstadt [Foto: Eine besorgte Bürgerin Legolands].

Abschließend lässt sich sagen, dass die Petition das DGH Istha umzubenennen, anstandslos gegenüber den Hinterbliebenen, heuchlerisch (in der Wahl des Ortes) und überdies, aufgrund einer besseren Alternative, unnötig ist. Auf solche Vorhaben kann deswegen in Zukunft gut und gerne verzichtet werden. Es bleibt zu hoffen, dass sich noch andere, besser durchdachte, Beiträge gegen die beklemmende Ermordung Walter Lübckes und damit gegen Rechtsextremismus in diesem Land von mutigen Aktivist_innen in die Hand genommen werden.