Mit mehr Wahlbeteiligung zum freien Mittagessen?

Aus unserer Ausgabe Juni/Juli 2017

Es sind Hochschulwahlen – und keiner geht hin. Die Zahlen zur letzten Hochschulwahl im Sommer 2016 sprechen eine klare Sprache: Nur 13,6 Prozent aller Wahlberechtigten, also nur 3.103 von 22.716 Studierenden, gaben ihre Stimme an den Wahltagen ab. Es steht zu befürchten, dass auch in diesem Jahr nur wenige Studierende an den Wahlen teilnehmen. Dabei nimmt mit einer geringen Wahlbeteiligung die Wahrscheinlichkeit zu, dass es auch politisch extremere Gruppen ins Studierendenparlament schaffen. Im letzten Jahr belegte so beispielsweise die Junge Alternative, die Jugendorganisation der Alternative für Deutschland (AfD), einen Sitz im Studierendenparlament – ein Novum in der deutschen Universitätslandschaft.

Um mehr über das Thema auch von den Studierenden zu erfahren, machten wir uns an einem sonnigen Mittwoch im Mai auf dem Campus der Uni Kassel auf die Suche nach den Gründen für die geringe Wahlbeteiligung. Unsere Befragung startet auf dem Platz vor der Mensa. Viele Studierende genießen dort die warme Mittagssonne und unterhalten sich über Vieles, nur nicht über die anstehenden Hochschulwahlen, ist unser Eindruck. Wir pirschen uns daher vorsichtig an die kleinen Grüppchen heran, um sie mit unseren Fragen nicht vom Sonnenbaden abzuhalten. Vor allem interessiert uns, was die Studierenden an der Uni verändern wollen. Auf den Stufen zur Ahne treffen wir die zwei Architekturstudentinnen Marie und Eva. Von den anstehenden Hochschulwahlen haben beide bis jetzt noch nichts gehört.

Wählen würden sie wahrscheinlich gehen, sagen sie, doch beschäftigt
haben sie sich damit noch nicht. Für die Zukunft haben beide einen Wunsch: Sie würden gerne auch nachmittags in der Zentralmensa essen gehen können. Bislang ist dies nur im K10 möglich. Beide stört, dass sich zu den Stoßzeiten zu viele Leute in der Zentralmensa drängeln. Dieses Problem könnten längere Öffnungszeiten lösen, sagen sie. Mit mehr Wahlbeteiligung zum freien Mittagessen?

Für David steht fest: er geht wählen!

Auch David, Wirtschaftspädagoge, hat noch nichts vom diesjährigen Wahltermin gehört. Dass er wählen gehen will, steht für ihn jedoch fest. Nach der letzten Wahl hörte er von Gerüchten, die den AStA und das Semesterticket betrafen. Damit es dort keine Probleme gibt, ist es für ihn wichtig, seine Stimme bei der Hochschulwahl abzugeben. Vielleicht macht er ja auch ein Kreuz hinter Robins Namen. Der 27 Jahre alte Student der Geschichte und Politikwissenschaft steht dieses Jahr selbst zur Wahl. Für ihn gehöre es einfach dazu, als Studierender zur Wahl zu gehen, besonders als Gesellschaftswissenschaftler. Sein Kommilitone Christoph pflichtet ihm bei: „Das dauert nicht lange, das macht man mal eben zwischen Vorlesung und Kaffee-Trinken.“

Ob Studierende zur Wahl gehen, hänge von der Bekanntheit und dem Wissen um ein Gremium ab, auch spielten persönliche Bindungen eine große Rolle, so der Kasseler Politikwissenschaftler Dr. Oliver D’Antonio. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Parteien- und Verbändeforschung, politische Kulturforschung und Geschichte der Bundesrepublik Deutschland sowie in der Sozial- und Kommunalpolitikforschung. Zumindest im Vergleich zu seiner Studienzeit Anfang der 2000er Jahre – D’Antonio studierte Politikwissenschaften, Soziologie und Journalistik in Leipzig und Grenoble – würden sich die Wahlbeteiligungen jedoch nicht groß unterscheiden, so seine Einschätzung. „Man könnte sich vorstellen, dass eine allgemeine gesellschaftliche Mobilisierung und/oder eine Entscheidungswahl, wo zwei Lager die für den AStA zur Wahl stehen, zwei wichtige Alternativen repräsentieren – wo es also etwas zu entscheiden gibt – die Beteiligung erhöhen dürften.“ Demnach würde eine Abstimmung über freies Essen in der Mensa, wie es sich der Lehramtsstudent Chris wünscht, wahrscheinlich zu einem rapiden Anstieg der Wahlbeteiligung führen. Die Germanistikstudentin Nina hält diesen Vorschlag dagegen für eher unrealistisch. Beide treffen wir vorm Café Desasta am neu gestalteten Lucius-Burckhardt-Platz. Chris’ weiteren Wunsch, das Semesterticket auf ganz Hessen auszuweiten, hat hingegen der AStA bereits diskutiert und auch wir hören ihn von anderen Studierenden im Laufe des Tages häufiger. Nina macht uns noch auf einen weiteren Missstand aufmerksam, den sie gerne beseitigen würde: „Dozenten und Tutoren werden ausgebeutet. Dass sie für eine bestimmte Stundenzahl bezahlt werden, obwohl sie eigentlich viel mehr arbeiten müssen, finde ich schlimm“, erzählt sie uns. Zudem würden oft wichtige Tutorien gestrichen werden.

Aus der geringen Wahlbeteiligung solle man nicht schließen, dass studentische Gremien keine Legitimation hätten, sagt Politikwissenschaftler
D’Antonio. So mancher Bürgermeister, rechnet man die Unterstützung
unter allen Wahlberechtigten aus, berufe sich auf eine ähnlich geringe
Unterstützung. „Natürlich sind aber tudierendengremien in einer schwächeren
Position als Bürgermeister. Insofern wären sie schon dazu angehalten,
eine enge Bindung und einen Schulterschluss zu den Studierenden
zu suchen. Dass dann – in vielen ASten und Studierendenräte – oft Studierende mit kritischen Positionen nicht in Diskussionen einbezogen werden, schafft natürlich nur selten die nötige Geschlossenheit, um seine Interessen durchzusetzen.“

Unsere Tour über den Campus führt uns am Ende zum Torcafé am
Blauen Tor. Dort treffen wir auf den 23 Jahre alten Studenten des
Bauingenieurwesens Christoph. Er kann sich gut vorstellen, wählen
zu gehen, wenn er wisse, welche Gruppierungen zur Wahl stehen. Über die Hochschulwahlen habe er noch nichts gehört. Das läge auch daran, dass zu
wenig informiert werde. Auch D’Antonio sieht in der mangelhaften
Mobilisierung einen Grund für die geringe Wahlbeteiligung: „Es kommt darauf an, wie die Gremien ihre Studierenden mitnehmen.” Hinzu komme jedoch auch ein generelles Problem, das auch die Gremien nicht lösen könnten: „Die Studienzeit macht nur eine kurze, zudem sehr individualistische Phase des Lebens aus. Studierendeninteressen sind also generell schwer zu vertretende
Interessen.“

Maximilian Preuss und Paul Bröker

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