Wenn ein Opfer von Terrorismus nicht zu Hass und Vergeltung neigt, haben Terroristen verloren

Aus unserer Ausgabe Oktober/November 2017

Bataclan – Wie ich überlebte“ ist ein Augenzeugenbericht in Form eines Comics, der es schafft mehr zu sein als die bildliche Darstellung eines schrecklichen Anschlags.

Der Autor, Fred Dewilde, ist von Beruf Grafiker und auf medizinische Illustrationen spezialisiert. Er lebt mit seiner Familie in einem Pariser Vorort und wollte am Abend des Anschlags von Bataclan am 13. November 2015 zusammen mit seinen Freunden ein Konzert der US Band Eagles of Death Metal besuchen. Dieses Datum sollte in der Zukunft der französischen Geschichte für einen der bisher schwersten Terroranschläge im 21. Jahrhundert stehen. Doch Dewilde schaffte es, dass durch seine ganz eigene Verarbeitung dieses Abends nicht der Terror im Vordergrund steht, sondern die Probleme in der französischen sowie großen Teilen der europäischen Gesellschaft deutlich gemacht werden.

Panini bringt uns diese Geschichte in einem hochwertigen Hardcover, welches in einem schlichten schwarz/weiß gehalten wurde und insgesamt 48 Seiten umfasst. Das Besondere dabei ist, dass lediglich 19 Seiten vom eigentlichen Comic gefüllt werden, der Rest erzählt die Geschichte von der Rückkehr ins Leben der Terroropfer Dewilde und seines Umfeldes. Auch wenn sich dieser Bruch zunächst merkwürdig anhört, sind es gerade die Brüche, die dieses Werk auf einer höheren Ebene interessant machen. So beginnt der Comic in einem Stil von schwarz auf weißem Hintergrund, in dem der freudige Abend, das ausgelassene Zusammensein erzählt wird. Mit dem Eintreten der Katastrophe, dem Terroranschlag, ändert sich dieses Bild. Der dunkle Moment der Geschichte wird durch den schwarzen Hintergrund des Papiers verdeutlicht und nur noch die Umrisse werden wie ein Licht im düsteren Moment dargestellt. Allein durch dieses metaphorische Element wird eine emotionale Trennung zwischen Katastrophe und heiler Welt hergestellt, die der Leserschaft einen schaurigen Eindruck der Situation vor Augen führt. Im zweiten Teil des Bandes, dem schriftlichen, erfahren wir, wie ein Mensch nach einer solchen Erfahrung schrittweise wieder in das Leben zurückfindet und wie schwer dieser Weg ist.

Es ist schwierig den Comic zu rezensieren, ohne dabei dem interessierten Menschen die Vorfreude auf das Lesen zu nehmen. Diese ist, dass die Solidarität über dem Hass steht und wird durch die Aussage „Wir drängen uns aneinander, die Straße ist schwarz von Überlebenden. Wir reden, stützen uns, trösten uns.“ unterstrichen. Im Nachgang kriegen wir eindrucksvoll geschildert, wie ein Mensch sich nach einem Terroranschlag fühlt. Woran denkt ein Mensch? Was tun? Wie geht es weiter? Nur einige Fragen, in welche wir blicken können. Wir erhalten den eindrucksvollen Kampf geschildert, wie ein Mann nach dem Unaussprechlichen wieder versucht ins Leben zurückzufinden. Wie er seine innere Zerrissenheit und Vergesslichkeit versucht zu überwinden. Wie der Schlaf zunächst die einzige Zuflucht und Hilfe zu sein scheint. Nach einem unvergesslichen Moment wird uns dargelegt, wie viel sich geändert hat. Lärm, wie das Geschrei des eigenen Kindes, ruft Aggressivität hervor, die zuvor unvorstellbar für einen liebenden Vater war. Dabei, so der Autor selbst, war gerade seine Rolle als Vater und die verletzte junge Frau, welche ihn gegen  über lag, ein sinnstiftender Moment für ihn in diesem schweren Augenblick.

In der Konklusion tritt eine Bewertung hervor, welche im Comic selbst bereits durch den Verzicht eines einzigen Begriffs angedeutet wird, doch dann umso stärker in den Fokus rückt. Es ist der Verzicht auf den Begriff des „islamischen“ vor dem Terrorismus. Dabei werden nicht die nutzlose Gewalt und der Hass verharmlost, sondern das Problem als Symptom bestimmt. Dieses Symptom habe jedoch eine Grundlage, welche nur zu gerne in den Debatten verdrängt werde. Es ist das Problem sozialer Durchmischung und welche Menschen diese Terroranschläge begingen. Es seien sozial schwache Menschen, die in Slums versteckt und ausgegrenzt würden. Diese würden durch ein marodes Schulsystem gezerrt, welches Kinder alleine lässt und die soziale Ungleichheit fördert. Eben eine Gesellschaft, die auf verschwenderischen Konsum ausgerichtet ist und dabei ihre eigenen Mitmenschen in Stich lässt. Es sind gerade diese letzten Seiten, die einen mahnenden Finger auf ein soziales Problem legen, welches nicht nur in Frankreich existiert, sondern auch in Deutschland und anderen Ländern Europas diskutiert wird. Denn auch wenn sich die Terroristen auf den Islam beziehen, so seien es doch nur von der Gesellschaft ausgeschlossene Extremisten, die jede Hoffnung verlören, so Dewilde. Auch in Deutschland gibt es diese Ausgrenzung oder ist es nur Zufall, dass es auf den deutschen Hauptschulen mehr Menschen mit Migrationshintergrund gibt als auf Gymnasien, auch bei vergleichbarem sozioökonomischem Hintergrund? Oder dass es schwieriger ist eine Ausbildung zu erhalten, sobald Name und Hautfarbe nicht mehr dem Bevölkerungsdurchschnitt entsprechen? Somit zeigt uns Dewilde auf, woher seiner Meinung nach das Problem des Extremismus kommt und schafft damit die Grundlage für eine politische und gesellschaftliche Diskussion, die weit über die Welt des Comics hinaus geht und dort auch Gehör finden muss. Es ist ein zeitgenössisches Werk, dessen Bedeutung nicht zu gering geschätzt werden kann und hoffentlich diese Anerkennung erfahren wird.

Eike Ortlepp

Bibliographische Angaben: Fred Dewilde (2017): Bataclan – Wie ich überlebte, Panini Comics. Neupreis: 16,99 Euro. ISBN: 978 – 3 – 7416 – 0443 – 0

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.